Insights›Client Update
Kriegsrisikoversicherung und Garantien für Ukraine-Projekte
Bei einem Ukraine-Projekt, das auf Versicherungs- oder Garantiedeckung angewiesen ist, müssen Umfang und Verfügbarkeit dieser Deckung zusammen mit der Finanzierung beurteilt werden. Private Versicherer haben sich nach Februar 2022 weitgehend aus der Ukraine zurückgezogen, und öffentliche Instrumente tragen heute die meisten Risikopositionen: durch einen Geber-Treuhandfonds gestützte Garantien der MIGA, eine Garantie der EBRD, die Rückversicherer wieder hinter ukrainische Versicherer stellt, von der DFC gestützte Rückversicherung lokaler Sachversicherungen, nationale Exportkreditagenturen, die ihre Deckung formell offen halten, während die Kapazität knapper wird, und die Investitionsgarantien der EU. Jedes Instrument deckt eine andere Risikoposition, und die nachstehenden Zahlen sind die aktuellen.
Warum die Deckung zuerst kommt
Die MIGA, die Garantieagentur der Weltbankgruppe, sagt es deutlich: Im gegenwärtigen Krieg behandeln die meisten Investoren die Verfügbarkeit einer Versicherung gegen politische Risiken als Voraussetzung, selbst wenn sie an der Seite einer multilateralen Institution investieren. Die Finanzierungslücke verschärft diesen Befund noch. Die Bewertung RDNA5 beziffert die prioritären Programme der Regierung für Erholung und Wiederaufbau im Jahr 2026 auf rund USD 15,25 Milliarden, wovon nur rund 38 Prozent durch den Staatshaushalt und bestätigte Partnerfinanzierungen gedeckt sind; diese Lücke ist mit öffentlichen Mitteln und Gebermitteln zu schliessen. Privates Kapital kommt beim weiter gefassten Zehnjahresbedarf ins Spiel, den RDNA5 auf USD 587,7 Milliarden schätzt und von dem der Privatsektor, wenn Reformen umgesetzt werden, bis zu 40 Prozent decken könnte. Nach unserer Erfahrung fliesst dieses Kapital nur dort in die Ukraine, wo sein Verlustrisiko versicherbar ist; deshalb kommt die Deckung zuerst.
Abbildung 1: Öffentliche Deckung nach Art der Risikoposition. Quellen: MIGA, EBRD, DFC, VIG, UKEF, SECO, Europäische Kommission (Stand: 26. September 2026).
Investitionsdeckung: die MIGA und der SURE-Treuhandfonds
Die MIGA zählt den ganzen Krieg hindurch zu den ganz wenigen Anbietern von Versicherungen gegen politische Risiken in der Ukraine, einschliesslich der Deckung für Krieg und innere Unruhen neben ihrer Deckung für Enteignung und Transferbeschränkungen. Per Juni 2026 hat sie seit Februar 2022 neue Garantien über USD 573 Millionen ausgestellt, und eine weitere Garantie über USD 32 Millionen ist in Vorbereitung; rechnet man Laufzeitverlängerungen ein, beläuft sich ihr gesamtes Neugeschäftsvolumen für die Ukraine auf USD 920 Millionen. Der Motor dahinter ist der Support for Ukraine's Reconstruction and Economy Trust Fund (SURE TF): Geberbeiträge, die sich derzeit USD 150 Millionen nähern, bei einem Ziel von USD 300 Millionen, wirken als Erstverlustschicht, die nach Angaben der MIGA bis zu 75 Prozent der an ausländische Investoren ausgestellten Garantien absichern kann; den Rest trägt die MIGA in der eigenen Bilanz oder gibt ihn an Rückversicherer weiter.
Die MIGA setzt ihre Instrumente in Phasen ein. Während der aktiven Kampfhandlungen liegt der Schwerpunkt auf Garantien für Handelsfinanzierungen, auf Deckungen politischer Risiken, mit denen internationale Bankengruppen ihre ukrainischen Tochtergesellschaften weiter mit Liquidität versorgen können, und auf ausgewählten Projekten der Realwirtschaft, darunter Verlagerungen aus dem Osten des Landes. Eine breitere Deckung für die Realwirtschaft wird ausgebaut, sobald und wo sich die Lage stabilisiert. Für einen Investor, der jetzt einen Eintritt strukturiert, sind diese Phasen von Bedeutung: Heute steht nicht die ganze Produktpalette zur Verfügung, und die Berechtigung hängt vom Sektor, vom Standort und von den Partnern des Projekts ab.
Handels- und Transitdeckung: die Rückversicherungsgarantie der EBRD
Die EBRD ging das Problem von einer anderen Seite an: Sie überliess die direkte Versicherung von Investoren der MIGA und setzte bei dem Grund an, aus dem die lokale Deckung verschwunden war, dem Rückzug der internationalen Rückversicherung. Unter der Ukraine Recovery and Reconstruction Guarantee Facility deckt eine Garantie der EBRD über EUR 110 Millionen Verluste aus definierten kriegsbedingten Risiken, die ukrainische Versicherer gezeichnet haben, sodass Rückversicherer in den Markt zurückkehren können. Der Spezialrückversicherer MS Amlin war von Beginn an dabei, die ukrainischen Versicherer INGO, Colonnade und UNIQA gehörten zu den ersten lokalen Teilnehmern, und die ersten ukrainischen Unternehmen schlossen 2025 eine Deckung ab. Der anfängliche Umfang erfasst Binnentransporte von Gütern, Motorfahrzeuge und Eisenbahn-Rollmaterial; bei voller Kapazität könnte die Fazilität die Deckung von Gütern und Fahrzeugen im Transit im Wert von bis zu EUR 1 Milliarde pro Jahr stützen.
Die Nachfrage hat das Angebot überholt: Ein Sprecher der EBRD erklärte gegenüber Global Trade Review im August 2026, die anfängliche Garantie über EUR 110 Millionen sei innerhalb von rund neun Monaten nach der Betriebsaufnahme der Fazilität im März 2025 vollständig ausgeschöpft gewesen, und in diesem Zeitraum seien Güter- und Fahrzeugbewegungen im Wert von rund EUR 360 Millionen versichert worden. Weil Kapazität mit dem Ablauf jeder kurzfristigen Police frei wird und erneut eingesetzt werden kann, stützt die Garantie weiterhin neue Policen; die lokalen Versicherer melden aber nach wie vor einen Mangel an Rückversicherungskapazität, und die EBRD arbeitet mit ihren internationalen Partnern, namentlich der EU, daran, die Fazilität auszubauen und den Kreis der zugelassenen Vermögenswerte zu erweitern, beginnend mit logistiknahen Tätigkeiten.
Die praktische Folge: Diese Deckung wird in der Ukraine abgeschlossen, bei ukrainischen Versicherern, in der Regel durch die ukrainische Betriebsgesellschaft. Sie schützt die Logistik eines Projekts, also die Güter auf dem Weg zum Standort und vom Standort weg, und überlässt die Investition selbst der MIGA. Sie steht neben der Deckung der MIGA und gilt einem anderen Risiko.
Ortsfeste Sachwerte: Gebäude, Anlagen und Vorräte
Für Gebäude, Anlagen und Vorräte in der Ukraine ist der Weg wiederum ein anderer: eine Sachversicherung bei einem ukrainischen Versicherer, dessen Kriegsrisikobestand mit öffentlicher Unterstützung rückversichert ist. Die amerikanische International Development Finance Corporation (DFC) hat eine solche Rückversicherung bereitgestellt, zuerst 2024 über eine mit Aon arrangierte Fazilität von USD 50 Millionen und ab dem 1. Februar 2026 über eine Fazilität von USD 25 Millionen für die Kniazha Vienna Insurance Group, die ein Portfolio von Kriegsrisikopolicen für KMU und Privatpersonen von bis zu USD 100 Millionen stützt; Berechtigung, territoriale Grenzen und Kapazität legt der Versicherer fest (die Projektzusammenfassung der DFC beschreibt die gedeckten Sachwerte und die Ausrichtung auf KMU). Diese Deckung schützt die Vermögenswerte des ukrainischen Versicherungsnehmers; die Deckung der MIGA schützt die Investition des ausländischen Investors; ein Projekt braucht in der Regel beide.
Exportdeckung: die nationalen Agenturen
Für Exporteure ist das massgebliche Instrument die Exportkreditagentur (ECA) des Heimatstaates, die Zahlungsausfall und politische Risiken bei Exportverträgen und, bei einzelnen Produkten, Vertragsgarantien (bonds) deckt; hier ist die ausgewiesene Zahl sorgfältig zu lesen. Das Vereinigte Königreich hält eine Deckungslimite von GBP 3,5 Milliarden für die Ukraine aufrecht, gestützt auf eine ministerielle Weisung (ministerial direction), im nationalen Interesse offen zu bleiben, obwohl Ukraine-Geschäfte ausserhalb der üblichen Kreditrisikostandards von UKEF liegen. Die Limite ist aber nicht mit der verfügbaren Kapazität gleichzusetzen: Der britische Wirtschaftsminister (Business Secretary) teilte dem Business and Trade Committee am 4. März 2025 mit, dass die Absicherung der Finanzierung des Vertrags von Thales über Flugabwehrraketen durch UKEF rund GBP 2,9 Milliarden der Limite beanspruchen werde, nahezu die gesamte verbleibende Kapazität (dieser Betrag ist die maximale Haftung von UKEF, einschliesslich der Zinsen über die Laufzeit des Darlehens, bei einem Vertrag über GBP 1,6 Milliarden).
Ein Sprecher von UKEF erklärte gegenüber Global Trade Review im März 2025, die Ukraine-Deckung sei im Grossen und Ganzen vollständig ausgeschöpft; weitere Unterstützung werde im Einzelfall geprüft und bedürfe der schriftlichen Zustimmung der Minister und von HM Treasury. Der Jahresbericht 2024/25 von UKEF weist per 31. März 2025 GBP 3,4 Milliarden der Limite als zugeteilt aus, einschliesslich des prognostizierten zugesagten Geschäfts, und der Kreditvertrag (facility agreement) für das Darlehen über knapp GBP 1,7 Milliarden wurde am 10. Juli 2025 unterzeichnet. UKEF hat Wiederaufbauarbeiten finanziert, darunter Brücken in der Region Kyjiw, und die Deckungspositionen nach Märkten werden in der Länderdeckungspolitik (country cover policy) von UKEF veröffentlicht; der Engpass ist die Kapazität, und die aktuell freie Kapazität sollte bei UKEF bestätigt werden, bevor ein Geschäft darauf aufgebaut wird.
Für Schweizer Exporteure beurteilt die Schweizerische Exportrisikoversicherung (SERV) Ukraine-Geschäfte im Einzelfall nach ihrer Deckungspolitik, und die Stärkung der Risikofähigkeit der SERV für die Ukraine ist eine der sechs Massnahmen des Schweizer Programms, das wir in unserem Update zum Schweizer Weg beschrieben haben. Exporteure aus anderen Ländern sollten die veröffentlichte Position ihrer eigenen Agentur prüfen; mehrere haben selektiv wieder geöffnet.
Die Garantie der EU
Der Investitionsrahmen der EU für die Ukraine (Ukraine Investment Framework, UIF), die Säule der Ukraine-Fazilität für Garantien und Mischfinanzierung, sichert Darlehen und Investitionen ab, die über Partnerinstitutionen geleitet werden, und versichert kein Unternehmen direkt. Seine Funktionsweise haben wir in unserem Update Wie die EU die Ukraine finanziert dargestellt. Für die meisten Unternehmen zeigt er sich praktisch als günstigeres oder besser besichertes Darlehen einer IFI oder Partnerbank; eine Police wird dabei nicht übergeben.
Die Instrumente kombinieren
Ein bankfähiges Ukraine-Projekt kombiniert in der Regel mehrere Instrumente. Ein Hersteller, der ein Werk baut, könnte für sein Eigenkapital eine Deckung der MIGA für Krieg und innere Unruhen halten, das Werk selbst über einen ukrainischen Versicherer mit von der DFC gestützter Rückversicherung versichern, eingehende Ausrüstung und ausgehende Produkte über einen ukrainischen Versicherer versichern, der unter der Fazilität der EBRD rückversichert ist, das Projekt über eine IFI-Fazilität finanzieren, die durch die UIF-Garantie gestützt wird, und für die Ausrüstung und die Dienstleistungen, welche die Muttergesellschaft selbst aus dem Heimatstaat in das Projekt liefert, die entsprechenden Exportforderungen über die ECA des Heimatstaates decken, bei der die Berechtigung vom Exporteur, vom Geschäft und vom nationalen Wertschöpfungsanteil abhängt (die Exportversicherung von UKEF verlangt ein etabliertes britisches Unternehmen, das aus dem Vereinigten Königreich exportiert, mit mindestens 20 Prozent britischem Wertschöpfungsanteil; die SERV verlangt einen in der Schweiz eingetragenen Exporteur und in der Regel mindestens 20 Prozent Schweizer Wertschöpfungsanteil); die eigenen Exporte des ukrainischen Werks aus der Ukraine sind auf diesem Weg nicht gedeckt.
Fünf Instrumente, fünf Gegenparteien, fünf Bedingungswerke, und sie müssen zusammenpassen: Das Sicherheitenpaket, das der Kreditgeber verlangt, darf nicht mit den Subrogationsrechten des Versicherers kollidieren, die versicherten Werte müssen den gruppeninternen Verträgen folgen, und jedes Instrument führt seine eigene Prüfung zu Sanktionen, Korruptionsbekämpfung und Compliance durch. Die Kombination sollte vor dem Investitionsentscheid gestaltet werden. Anträge bei der MIGA, Kreditprozesse der IFI und ECA-Entscheide, die der Zustimmung von Ministern oder eines Verwaltungsrats bedürfen, dauern Monate; UKEF nennt für gewöhnliche Anträge auf Exportversicherung eine bis zwei Wochen.
Zwei weitere Punkte aus der Praxis. Erstens ist die Deckung durch die Kapazität begrenzt und wird in Phasen bereitgestellt: Der Treuhandfonds der MIGA wirbt noch Mittel bis zu seinem Ziel ein; die Garantie der EBRD-Fazilität ist vollständig gebunden und wird nur mit dem Ablauf von Policen wieder frei, sodass neue Deckung von Abläufen und vom geplanten Ausbau abhängt; die Ukraine-Deckung von UKEF ist weitgehend ausgeschöpft; und die Positionen ändern sich mit der Sicherheitslage. Was verfügbar ist, muss deshalb Geschäft für Geschäft geprüft werden. Zweitens beginnt die Disziplin für den Schadenfall am ersten Tag: Dokumentierte Anlagewerte, Inventare, Fotografien und saubere Gesellschaftsunterlagen machen aus einer Kriegsschadenpolice eine Entschädigung.
Was das für Sie bedeutet
- Behandeln Sie die Versicherbarkeit als Machbarkeitstest. Lässt sich die Risikoposition mit keinem der Instrumente decken, sagt das etwas über das Projekt aus.
- Wählen Sie das Instrument nach der Risikoposition. Investitionsdeckung, Deckung ortsfester Sachwerte, Transitdeckung, Exportdeckung und Finanzierungsgarantien gelten unterschiedlichen Risiken. Erfassen Sie zuerst Ihre Risikopositionen, und gehen Sie dann auf die richtigen Gegenparteien zu.
- Beginnen Sie früh und parallel. Anträge bei der MIGA, Kreditprozesse der IFI und ECA-Entscheide über Ukraine-Risiken, die der Zustimmung von Ministern oder eines Verwaltungsrats bedürfen, dauern Monate; Standardprodukte der ECA können schneller sein (UKEF nennt für die gewöhnliche Exportversicherung eine bis zwei Wochen). Planen Sie deshalb jedes Instrument nach Produkt, Komplexität und Zustimmungserfordernissen, und führen Sie die Verfahren parallel zur Strukturierung.
- Stimmen Sie die Unterlagen aufeinander ab. Gruppeninterne Verträge, Sicherheitenpakete und versicherte Werte müssen über alle Instrumente hinweg übereinstimmen, und jede Gegenpartei wird Ihre Kontrollen zu Sanktionen und Korruptionsbekämpfung prüfen.
- Bauen Sie das Schadendossier von Anfang an auf. Bewertungsnachweise und saubere Unterlagen machen aus einer Kriegsschadenpolice eine Entschädigung.
Isak Legal berät Schweizer, britische, amerikanische und europäische Unternehmen bei der Strukturierung von Investitionen mit Bezug zur Ukraine, einschliesslich des Zusammenspiels von Versicherung, Garantien und Finanzierung über die öffentlichen Instrumente hinweg, sowie ukrainische Unternehmen auf dem Weg zu westlichen Partnern und Finanzierungen. Mehr dazu auf unserer Seite Ukraine: Investitionen und Wiederaufbau, oder nehmen Sie Kontakt auf.
Dieses Client Update dient ausschliesslich der allgemeinen Information, gibt den Stand vom 26. September 2026 wieder, stellt keine Rechts-, Versicherungs- oder Finanzberatung dar und begründet kein Mandatsverhältnis. Die Verfügbarkeit von Deckung, die Zahlen und die Bedingungen der Fazilitäten sind diejenigen, die in den oben verlinkten Quellen veröffentlicht sind, und ändern sich mit den Umständen; lassen Sie sich den aktuellen Stand stets von der zuständigen Institution bestätigen. Für die Beratung in einer konkreten Angelegenheit nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.